Gans falsch. Eine kurze Kurzgeschichte

Die Zeiten, als wenigstens die Großeltern noch zwischen Enten und Gänsen zu unterscheiden wussten, auch diese Zeiten sind jetzt möglicherweise unwiederbringlich vorbei. Oder war es ihm nur entfallen, dass der große graue Vogel, der da im zoologischen Stadtgarten unter den Platanen wandelte, nicht Ente, sondern Gans hieß? Und dass er nicht quak-quak machte, wie der Mann mit den weißen Haaren dem blond gelockten Kind klarzumachen versuchte, sondern eher schrille und kaum zur Nachahmung geeignete Laute, um nicht zu sagen: Geräusche von sich gab? „Das ist ein Entlein“, sagte er wiederholt freudestrahlend und fügte hinzu: „Quak, quak!“ Das Kind aber antwortete ihm jedesmal mit einem beinahe grimmig hervorgestoßenen: „Wau, wau!“ Hätte ich den fröhlichen Alten über seinen Irrtum aufklären sollen? Wie reagierte ein Großvater, denn vermutlich handelte es sich um einen solchen, wenn man ihm sagte, er sei gerade im Begriff, seinem Enkel ein falsches Weltbild zu vermitteln? Name ist nämlich keineswegs, wie der Volksmund zu wissen wähnt, Schall und Rauch.
xxxxxIm Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort, heißt es im Evangelium nach Johannes. Und dass ohne das Wort nichts gemacht sei, was gemacht ist. Ohne das Wort Ente also keine Ente und ohne „Gans“ keine Gans. „Was macht den Löwen zum Löwen?“ pflegte mein Lexikologie-Professor seine Studenten zu fragen. Vorschläge wie: „Seine Eigenschaften“, ließ er nicht gelten. „Dass wir ihn Löwe nennen!“ war die einzige Antwort, die für ihn in Betracht kam, weil sie in einem dann von ihm erläuterten Sinn richtig war. Was genau er zur Begründung seiner steilen These zu sagen hatte, kann ich nicht mehr so genau sagen. Warum auch in Theorien schwelgen, wenn man dem Rauschen des Windes in den Platanen einer Platanen-Allee lauschen kann. Früher oder später muss man sich entscheiden – beides zugleich haben zu wollen: den hohen und reinen Ton der Theorie und das Rauschen der Praxis, ist kaum möglich. Dennoch war mir sofort klar: Wenn einer eine Gans eine Ente nennt und diesen falschen Sprachgebrauch auch noch an die übernächste Generation weiterzugeben versucht, dann kann das auf nichts Gutes hinauslaufen.
xxxxxGerhard Polt mit dem „Osterhasi“ und dem „Nikolausi“ fiel mir ein. Wer kennt ihn nicht, den absurden pädagogischen Dialog, in dem eine Art Opa einer Art Enkel nahezubringen versucht, dass das in Rede stehende Phänomen der Osterhase und nicht der Nikolaus ist. Und je länger und öfter der Bub das belehrende „Osterhasi“ wie ein gestörtes Echo mit seinem beharrlich-freundlichen „Nikolausi“ beantwortet, desto wütender wird der anfangs noch wohlmeinende Sprachlehrer, bis er zuletzt so zu toben beginnt, dass man um das physische und psychische Wohl des tatsächlich oder vermeintlich Unbelehrbaren fürchten muss. Nur dass der Poltsche Opa recht hat: ein Osterhase ist nun mal kein Nikolaus, während mein Opa im Stadtgarten, am Anfang oder am Ende der Platanenallee, genauso falsch lag wie sein Enkel, dem er beibringen wollte, dass die Graugans eine Ente und kein Wauwau sei. Oder ist? Oder doch sei?