Orpheus vor dem Zoo

Ich wollte wie Orpheus singen, / Dem es einst gelang,
Felsen selbst zum Weinen zu bringen, / Durch seinen Gesang.

Wilde Tiere scharten sich / Friedlich um in her.
Wenn er über die Saiten strich, / Schwieg der Wind und das Meer.

(Reinhard Mey: „Ich wollte wie Orpheus singen“)

An Debatten über Kunst, also darüber, ob etwas Bestimmtes (oder wann etwas im Allgemeinen) Kunst sei oder nicht sei, versuche ich möglichst nicht teilzunehmen. Bei meiner Arbeit spielt weder der eine wahre noch irgendein anderer Kunstbegriff keine Rolle nicht. Es kommt aber vor, dass mir etwas begegnet, bei dessen Anblick ich ausrufen möchte:  Seht her – das ist Kunst! Und nicht euer akademisch korrekt ausgedachtes oder vermeintlich marktkonform auf Hochglanz poliertes Surrogat, auf das ihr in eurer Hybris mit demselben sprachlichen Ausdruck und mit größter Selbstverständlichkeit Bezug zu nehmen pflegt. Solch eine Begegnung mit der Ereignis gewordenen Kunst hatte ich gestern vor dem Karlsruher Hauptbahnhof, als ich vor meinem Gang zur Zeichen-Arbeit im gegenüber gelegenen Stadtgarten noch ein paar Briefe in einen der Kästen neben dem Bahnhofseingang werfen wollte (und auch warf).

Der Bereich vor dem Haupteingang des Bahnhofs dient immer wieder Musikanten und Entertainern verschiedener Art als Bühnen-Areal für ihre mehr oder weniger spektakulären Auftritte. Alle paar Tage leiert ein psychisch nicht ganz astreiner Drehorgel-Dreher mit der Präzision eines Automaten sein Programm durch. Dazu lässt er wie ein Irrer mit der freien Hand einen Stoff-Affen auf der fahrbaren Drehorgel erbarmungslos (und keineswegs im Takt der Musik) auf und ab hüpfen. Regelmäßige Gastspiele gibt ein russischer Teufelsgeiger, dem sich vor einigen Monaten ein Kontrabassist angeschlossen hat, obwohl er dem Violin-Virtuosen noch nicht ganz das Wasser reichen kann. Auch wenn die beiden mittlerweile eine personell variable, doch zugleich auf magische Weise immer größer werdende Fan-Gemeinde haben, meine ich doch nicht dieses bemerkenswerte Duo, wenn ich von der Ereignis-Werdung der Kunst spreche.

Was oder wer mir äußerlich betrachtet begegnete, war ein Mann um die fünfzig. Er trug einen Mantel, Schlapphut und Brille, und aus dem Rucksack auf seinem Rücken kamen die Töne oder Geräusche eines Schlagzeugs, die ihm den Takt vorgaben oder dabei halfen, nicht aus demselben zu geraten. Denn der Mann war ein Sänger, fast könnte man sagen eine One-Man-Band. Als Mikrophon diente ihm ein Mobiltelefon, das irgendwie mit dem Lautsprecher im Rucksack verbunden war. Im Repertoire des Karaoke-Sängers auf der Walz werden wohl die deutschen Schlager der 1960er Jahre breiten Raum einnehmen, denn während ich mich in Hörweite aufhielt, sang er drei davon hintereinander weg (die Texte kannte er auswendig), darunter „Rote Lippen soll man küssen“ und „Du bist mein erster Gedanken“. Er sang nicht wirklich gut, aber auch nicht nachgerade schlecht. Wenn er mit seiner leicht brüchigen Stimme immer mal wieder einen Ton nicht ganz traf, machte das nichts aus, im Gegenteil: mir kam es so vor, als müsse es so sein – richtig wäre in diesem Fall falsch gewesen.

Es störte den hingebungsvoll Singenden nicht, dass ihm niemand zuzuhören schien. Man ging in relativ großem Abstand an ihm vorüber, niemand blieb stehen. Auch die für gewöhnlich dort herumlungernden dubiosen Gestalten lungerten gerade woanders herum. Ich war der Einzige, der sich in den Bannkreis um ihn wagte und eine Münze in die an des Sängers Brust befestigte leere Blechdose warf. Warum ist das Kunst? Ich wusste und weiß es nicht und ich wollte und will es auch fürs erste und zweite gar nicht wissen. Es reichte und reicht mir, dass mir vollkommen klar war und ist: Das ist Kunst! Und wären wilde Tiere da gewesen, so wie in Reinhard Meys Lied über sich und über Orpheus, – sie hätten sich auch um diesen Orpheus friedlich geschart, dessen bin ich mir sicher.